Acht Fragen an Hannah Weber-Heidenfels - Art Fair Managerin und Kuratorin bei Affordable Art Fair 

Der Sprung von der Kunsthochschule in den professionellen Kunstmarkt ist für viele junge Talente eine der größten Hürden ihrer Laufbahn. Sichtbarkeit ist dabei entscheidend – doch wie lässt sie sich nachhaltig aufbauen? Ein Format, das seit über einem Jahrzehnt Maßstäbe in der Nachwuchsförderung setzt, ist die Emerging Artists Exhibition der Affordable Art Fair.
In den nächsten Zeilen werfen wir einen Blick hinter die Kulissen dieser kuratierten Sonderausstellung. Wir sprechen darüber, warum die Förderung aufstrebender Künstler*innen heute wichtiger ist denn je, wie Sammler*innen von morgen Berührungsängste abbauen und welche Rolle Digitalisierung und professionelles Kunstmanagement für eine langfristige Karriere spielen.
Erfahren Sie, wie aus einem ersten Messe-Impuls eine dauerhafte Präsenz im Kunstbetrieb wird und warum ein zugänglicher Kunstmarkt kein Widerspruch zu anspruchsvoller zeitgenössischer Kunst ist.

1. Die Emerging Artists Exhibition ist eine kuratierte Sonderausstellung der Affordable Art Fair und bietet aufstrebenden Künstler*innen seit 2012 eine besondere Plattform. Was war die ursprüngliche Idee hinter dem Format – und warum ist diese Förderung heute so wichtig?

Die Idee der Emerging Artist Ausstellung ist es, Künstler*innen eine kuratierte Plattform zu geben ihre Kunst zu zeigen und Sichtbarkeit in den schwierigen Startbedingungen der Kunstwelt zu schaffen.
Die Ausstellung richtet sich vor allem an junge, noch nicht von einer Galerie vertretene Positionen, die entweder aktuell noch an einer Kunsthochschule studieren, oder innerhalb der vergangenen Jahre ihren Abschluss gemacht haben.
Das Spannende an dem Ausstellungsformat ist, dass die Künstler*innen nicht in einem geschützten Hochschul- oder Ausstellungsraum gezeigt werden, sondern mitten auf einer Kunstmesse. Sie begegnen dort einem sehr diversen Publikum: erfahrenen Sammler*innen ebenso wie Menschen, die vielleicht gerade erst anfangen, sich für zeitgenössische Kunst zu interessieren. Durch die hohe Anzahl an Besuchenden auf der Messe sowie durch unsere Pressearbeit, schafft das Ausstellungsformat eine immense Sichtbarkeit.
Gerade diese Sichtbarkeit sowie die Möglichkeit, durch die Plattform mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen, sind wichtige Schritte für einen Start oder eine Weiterentwicklung in der Kunstwelt. Sie bieten keine Garantie für eine Karriere, aber die Chance, gesehen zu werden, Kontakte zu knüpfen und die eigene Arbeit in einem professionellen Kontext zu erleben.

2. Sie begleiten viele Künstlerinnen am Beginn ihrer Laufbahn. Welche Entwicklungen haben Sie bei ehemaligen Teilnehmerinnen beobachtet – gibt es Künstler*innen, deren Karriere durch die Ausstellung wichtige Impulse bekommen hat?

Rückblickend auf die vergangenen Jahre hat die durch diese Ausstellungen geschaffene Sichtbarkeit maßgeblich dazu beitragen können, dass Künstler*innen nach ihrer Teilnahme weitere Schritte gemacht haben – etwa erste Galerievertretungen, institutionelle Ausstellungen, Stipendien oder eine stärkere Präsenz im Kunstmarkt.
Was ich besonders schön finde: Die Entwicklung ist sehr unterschiedlich. Es gibt nicht den einen Weg, der aus einer Teilnahme folgt. Manche Positionen werden schnell von Galerien entdeckt, andere entwickeln ihre Praxis zunächst über Ausstellungen, Residenzen oder institutionelle Projekte weiter.
Unsere Jubiläumsausstellung „Emerging Artists 2012–2022“ war dafür sehr aufschlussreich: Wir konnten auf zehn Jahre zurückblicken und sehen, wie unterschiedlich sich die damals gezeigten Positionen entwickelt haben.
Ich würde deshalb nicht sagen, dass die Ausstellung eine Karriere „macht“. Aber sie kann durch die Sichtbarkeit und die formale Einordnung einen wichtigen Impuls geben.

3. Sie wählen die Künstler*innen für die Emerging Artists Exhibition aus und kuratieren die Ausstellung. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche künstlerischen Positionen Sie präsentieren möchten?

Für mich steht in erster Linie die künstlerische Aussagekraft im Mittelpunkt. Ich suche Positionen aus, die ich spannend finde und bei denen ich das Gefühl habe: Hier gibt es eine eigene Sprache, eine eigene Fragestellung und eine eigene Haltung. Und dann gibt es natürlich den inhaltlich-kuratorischen Aspekt, nach dem ich die Arbeiten thematisch auswähle und zusammenstelle.
Gleichzeitig interessiert mich, wie eine Arbeit im Raum funktioniert. Die Emerging Artists Ausstellung zeigt häufig großformatige und konzeptionelle Arbeiten, die untereinander sowie mit den Besuchenden in Beziehung treten.
Und natürlich spielt auch eine gewisse Risikobereitschaft eine Rolle. Gerade bei Emerging Artists möchte ich nicht nur das zeigen, was bereits funktioniert und leicht zugänglich ist. Mich interessieren auch Arbeiten, die Fragen aufwerfen und die Besuchenden vielleicht zunächst etwas irritieren.

4. Die Emerging Artists Exhibition schafft Sichtbarkeit, ermöglicht Kontakte zu Sammlerinnen und Galeristinnen und unterstützt Künstler*innen beim Einstieg in den Kunstmarkt. Was kann eine Messe wie die Affordable Art Fair an diesem frühen Punkt einer Karriere bewirken?

Eine Messe kann etwas leisten, was für junge Künstler*innen sehr wertvoll ist: Sie bringt viele unterschiedliche Menschen an einem Ort zusammen und generiert eine große Sichtbarkeit. Auf einer Messe entsteht diese Begegnung sehr unmittelbar.
Dabei geht es nicht nur um Verkäufe. Es geht um Gespräche mit Sammler*innen, Galerist*innen, Kurator*innen und anderen Künstler*innen. Und es geht darum, zu erleben, wie ein Publikum auf die eigene Arbeit reagiert.
Gerade weil die Affordable Art Fair den Zugang zum Kunstmarkt niedrigschwellig gestalten möchte, entsteht hier eine interessante Situation: Der Einstieg in den Kunstmarkt findet nicht hinter verschlossenen Türen statt, sondern in einem offenen, zugänglichen Umfeld.

5. Die Affordable Art Fair richtet sich bewusst an Menschen, die gerade erst beginnen, Kunst zu entdecken. Welche Erfahrungen machen Sie mit dieser neuen Generation von Sammler*innen?

Ich erlebe sehr viel Neugier – und gleichzeitig den Wunsch nach Orientierung.
Viele Menschen kommen nicht mit dem Gedanken: „Ich bin jetzt Sammler*in.“ Sie kommen vielleicht, weil ihnen eine Arbeit gefällt oder weil sie neugierig sind. Und dann entsteht plötzlich die Frage: Was bedeutet es eigentlich, Kunst zu kaufen? Wie finde ich heraus, was zu mir passt?
Das finde ich sehr spannend. Denn Sammeln beginnt nicht zwangsläufig mit großem Budget oder umfassendem kunsthistorischem Wissen. Es kann mit einem einzigen Kunstwerk beginnen, das einen persönlich berührt.
Genau deshalb ist es wichtig, dass eine Kunstmesse eine Atmosphäre schafft, in der man Fragen stellen darf und sich nicht das Gefühl geben muss, bereits alles wissen zu müssen.

6. Viele Menschen interessieren sich für Kunst, wissen aber nicht, wie sie eine eigene Sammlung beginnen sollen. Welche Rolle spielen Vermittlung, persönliche Beratung und Formate wie die Art Advisor-Angebote dabei, Berührungsängste abzubauen?

Eine sehr große. Kunstvermittlung sollte meiner Meinung nach nicht darin bestehen, den Besucher*innen zu erklären, was sie gut finden sollen. Sie sollte ihnen helfen, herauszufinden, was sie selbst interessant finden.
Gerade für Menschen, die zum ersten Mal Kunst kaufen, kann ein unabhängiges Gespräch unglaublich hilfreich sein. Es nimmt Druck heraus und macht aus dem Kunstkauf ein persönliches Erlebnis.

7. Der Kunstmarkt verändert sich durch die Digitalisierung stark. Welche Bedeutung hat digitale Sichtbarkeit heute für junge Künstler*innen – und wie können professionelle Strukturen wie Online Showrooms, Kunstverwaltung oder eine gute Kunstdatenbank dabei helfen, ihre Arbeit langfristig sichtbar zu machen?

Digitale Sichtbarkeit ist heute für Künstler*innen eigentlich eine zweite Ausstellungsebene.
Eine physische Ausstellung kann einen wichtigen Moment schaffen – aber sie ist zeitlich und räumlich begrenzt. Online können Künstler*innen ihre Entwicklung, Ausstellungen und Arbeiten langfristig dokumentieren und damit auch Menschen erreichen, die nicht vor Ort waren.
Dabei sollte Digitalisierung aber nicht mit bloßer Social-Media-Sichtbarkeit verwechselt werden. Für eine langfristige Karriere sind gute Dokumentation, professionelle Werkdaten, eine nachvollziehbare Ausstellungshistorie und eine gepflegte digitale Präsenz mindestens genauso wichtig.
Online-Showrooms, digitale Archive oder Kunstverwaltungs- und Datenbanksysteme können dabei helfen, dass eine künstlerische Praxis nicht nur im Moment einer Ausstellung sichtbar ist, sondern langfristig auffindbar und nachvollziehbar bleibt.
Ich sehe digitale Werkzeuge deshalb weniger als Konkurrenz zur physischen Ausstellung, sondern als deren Verlängerung.

8. Die Emerging Artists Exhibition bringt Künstlerinnen, Publikum und potenzielle Sammlerinnen direkt zusammen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Nachwuchsförderung und für einen offenen, zugänglichen Kunstmarkt?

Ich wünsche mir, dass Nachwuchsförderung noch stärker als langfristige Begleitung verstanden wird und nicht nur als einmalige Präsentationsmöglichkeit.
Ein erster Ausstellungsmoment ist wichtig – aber genauso wichtig sind die Kontakte und Strukturen, die danach entstehen. Aufstrebende Künstler*innen brauchen Sichtbarkeit, aber sie brauchen auch Möglichkeiten, ihre Arbeit weiterzuentwickeln, professionelles Feedback zu bekommen und Zugang zu unterschiedlichen Teilen des Kunstbetriebs zu finden.
Und ich wünsche mir einen Kunstmarkt, in dem man sich ohne Schwellenangst bewegen kann. Das bedeutet für mich nicht, dass Kunst einfacher oder weniger anspruchsvoll werden muss. Im Gegenteil: Komplexe, herausfordernde Kunst und ein zugänglicher Kunstmarkt schließen sich überhaupt nicht aus.
Die Emerging Artists Exhibition soll genau diesen Raum schaffen: Anspruchsvolle zeitgenössische Kunst zeigen, ohne den Besucherinnen das Gefühl zu geben, sie müssten bereits Expertinnen sein. Dass die Ausstellung bewusst einen ruhigeren, konzentrierten Raum innerhalb des Messegeschehens schafft, in dem die Besuchenden ihre eigene Beziehung zu den Positionen aufbauen können, gehört für mich deshalb zu ihrer wichtigsten Funktion.

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